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DAS STRAHLENDE KIND
Als meine beiden Kinder geboren wurden und während ihrer ersten sieben Lebensjahre, lebten meine Frau und ich in einem Ashram. Es gibt sehr unterschiedliche Vorstellungen über Ashrams. Die meisten, wie ich festgestellt habe, haben wenig mit der Realität zu tun. Leben im Ashram bedeutet Konfrontation. Die Menschen verpflichten sich, ein spirituelles Leben zu führen. Dadurch wird unser Ego auf die Probe gestellt und andere halten uns den Spiegel vor. Das ist zugleich schmerzhaft und segensreich. Inwieweit wir diesen Segen empfangen können, hängt davon ab, inwieweit wir bereit sind, selbst die Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen und die Schuld nicht bei anderen zu suchen.
Innerhalb dieses Rahmens, den ein Ashram bietet, ist es Kindern möglich, Erfahrungen zu machen, die ihnen helfen, das Leben ausgewogener und normaler zu sehen. Vor hundert Jahren wurden Kinder von einer Gemeinschaft groß gezogen. Viele Erwachsene halfen dem Kind zu lernen und zu einem bewussten Menschen heranzuwachsen. Heute in unserer modernen Welt ist dies nicht mehr so. Es sieht fast so aus als würden die Kinder eher durch das Fernsehen lernen als durch ihre Eltern. Kinder lernen durch Nachahmen. Und was sie sehen, ist, dass du arbeiten gehst, spät nach Hause kommst, kämpft, um deine Rechnungen zu zahlen, und wenig Zeit für sie hast. Sie wachsen genauso auf wie du.
Die Mitglieder eines Ashrams teilen dieselben Werte und verbringen jeden Tag Zeit miteinander, um zu beten und zu meditieren. Damit haben sie in der Kindererziehung eine gemeinsame Sprache. In dem Kundalini Yoga Ashram, in dem ich gelebt habe, fand beispielsweise jeden Morgen von 4.30 bis 7.30 Uhr Sadhana (spirituelle Diziplin) statt. Oft waren auch die jüngeren Kinder mit dabei, auch wenn sie meistens geschlafen haben. Wir waren alle Vegetarier, haben keinen Alkohol getrunken und nicht geraucht. Es gab noch mehr Themen, die uns verbunden haben. Der entscheidende Punkt ist, dass die Kinder eine klare Linie erkennen konnten, nach der wir selbst unser Leben ausrichteten und sie auch nach diesen Maßstäben erzogen haben. Das hat ihnen Stabilität gegeben und ihr Selbstvertrauen gestärkt.
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Wenn meine Frau und ich abends ausgehen wollten, gab es mindestens fünf Familien, die wir bitten konnten, auf unsere Kinder aufzupassen. Dafür waren ihre Kinder an anderen Abenden bei uns. Die Eltern haben auch abwechselnd die Kinder von der Schule abgeholt und mit ihnen dann etwas Besonderes unternommen. Ich habe mich jedes Mal, wenn ich an der Reihe war, auf diese Herausforderung gefreut.
Das Leben in Ashrams gehört der Vergangenheit an, ein Entwicklungsschritt hin zu unserem spirituellen Erwachen im Westen. Aber Erfahrungen, wie sie das Leben im Ashram ermöglicht, können wir unseren Kindern trotzdem bieten. Die moderne Form des Ashrams heißt Gemeinschaft.
Kindern Yoga beizubringen, bedeutet eine Brücke zu schlagen, die eine Verbindung schafft zu unserer Seele und unserer Bestimmung. Durch Yoga erfahren Kinder, wer sie sind, was sie können und woraus sie Freude schöpfen können. Erwachsene sind oft erstaunt, wie tief Kinder sich auf eine Meditation einlassen. Wie ein fünfjähriges Kind in Stille sitzen kann.
Kinder schätzen es, wenn wir ihnen helfen, ihre Vorstellung davon, wer sie sind, zu erweitern und reicher zu machen. In einem der ersten Lieder, die Kinder im Yogaunterricht lernen, heißt es „alles kommt von Gott, alles geht zu Gott“. Mit dieser Haltung fällt es Kindern leichter zu verstehen, wie der Geist auf der Erde, in der materiellen Welt, sichtbar wird. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie gut es uns gelingt, für die Kinder eine tiefe Verbindung herzustellen zu dieser übergeordneten Kraft, der Welt des Geistes.
Kindern etwas beizubringen erfordert ganzen Einsatz, Planung, Opferbereitschaft und harte Arbeit - wie bei jedem anderen Vorhaben auch, das sich wirklich lohnt. Es ist eine Freude und ein Privileg, Kindern Yoga und Meditation zu vermitteln. Denn diese Fähigkeiten helfen ihnen, bessere Menschen zu sein.
Gurumarka Singh Khalsa
Heidelberg |